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Abschiedsinterview mit Marcel Goc

Marcel Goc gilt als einer der größten deutschen Eishockeyspieler. Der gebürtige Calwer hat 699 Spiele in der NHL bestritten, nahm an drei Olympischen Spielen und acht Weltmeisterschaften teil. Nach insgesamt 21 Profijahren war für den 36-jährigen Mittelstürmer urplötzlich Schluss, die Deutsche Eishockey Liga (DEL) brach die Spielzeit vorzeitig wegen des Coronavirus ab. Für den Kapitän der Adler Mannheim war somit der Traum vom zweiten Meistertitel nach 2019 vorbei – und auch schlagartig die eigene Laufbahn.

Marcel Goc, Sie hatten im Februar Ihr Karriereende angekündigt und gesagt: „Ich freue mich auf ganz besondere letzte Wochen mit den Adlern“. Dann folgte das abrupte Saisonende.

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle für Sie?
Ja, schon. Es war meine letzte Saison. In den vergangenen fünf Jahren ging es mir entweder richtig gut oder ich bin wegen schwerer Verletzungen mit Krücken marschiert. Mein Karriereende kam quasi über Nacht. Es ist keiner schuld, ich kann nicht auf mich sauer sein und bin froh, bereits vorher meine Entscheidung getroffen zu haben. Es ist nach wie vor eine total komische, surreale Situation. Letztendlich aber stellt Corona ein viel größeres Problem dar als mein Karriereende.

Abbruch der DEL-Spielzeit, keine Chance auf den Meistertitel, kein letztes Spiel, keine Ehrenrunde – kommt da nicht Wehmut auf?
Das steht außer Frage. Zu gerne hätte ich meinem letzten Spiel noch einmal wie 2019 den Meisterpokal hochgehalten. Als es im Februar hieß, passt auf mit euren Schlägern, in China ist Produktionsstopp und die ersten Schläger gehen bestimmt in die NHL, haben wir noch Späßchen gemacht. Die Sache war halb vergessen, als Festerling und Pickard Nachrichten vor Beginn der Pre-Playoffs hin und her schickten. Die Saison sei vorbei und gecancelt. Man dachte, ach, die reden halt viel. Doch nein, plötzlich war das Saisonende einfach da.

Sie bleiben den Adlern erhalten, beginnen als „Development Coach“ in der Organisation. Was reizt Sie an dieser neuen Herausforderung?
Mein Sohn Jonas ist neun. Bei der U11 bin ich ab und zu mit aufs Eis gegangen und war eine Art Spaßtrainer. Wenn meine Tipps an die Jungs funktioniert haben, hat es mich fast mehr gefreut als sie selbst. Ich werde ab der U17 Talente der Adler individuell betreuen. Der Unterschied zwischen der Juniorenliga und der DEL ist gewaltig. Ich will helfen, damit die Jungs verstehen, was sie für eine lange und erfolgreiche Karriere brauchen. Das ist nämlich zuvorderst harte Arbeit. Nach einer kürzeren Eingewöhnungszeit bin ich auch in den Trainingsbetrieb der Jungadler und der Adler-Profis integriert. Ich freue mich darauf.

Könnte die Nachwuchsarbeit ein dauerhaftes Ziel sein – oder liebäugeln Sie irgendwann mit einem DEL-Cheftrainerjob?
Ich habe mich bewusst entschieden. Ich war 21 Jahre lang Profi und sehr viel unterwegs. Jetzt sind meine beiden Kinder in einem Alter, in dem ich zu Hause sein möchte. Es war mein Vorschlag an die Adler. In San José gab es damals den Teamkollegen Mike Ricci, der dann als Development Coach angefangen hat. Wir haben einfach über mein Spiel geredet, er war auch Mittelstürmer und kannte sich aus. Der Cheftrainer hat gewöhnlich den Kopf voll mit der ganzen Mannschaft, du musst als Spieler nicht immer direkt zu ihm. Es geht darum, auf die einzelnen Cracks mehr einzugehen – und das ist ein breites Gebiet.

Zeitreise: 1999 haben Sie als damals 16-Jähriger für Schwenningen in der DEL debütiert. Wie lief denn Ihre Feuertaufe?
(Lacht) Es war Wahnsinn. Ein Jahr zuvor war ich noch im Fanblock herumgestanden, dann fuhr ich selbst auf dem Eis herum und winkte in die Kurve. Es war schön damals, aber auch eine immense Umstellung. Einige der Profis hätten meine Väter sein können.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen 1999 und heute?

Große, seinerzeit gab es etwa noch den Zwei-Linien-Pass. Leichter ist es für die heutigen Talente bestimmt nicht geworden. Das Spiel ist viel schneller und athletischer, die Jungs sind läuferisch und stocktechnisch viel besser ausgebildet. Bei Ausnahmetalenten wie Moritz Seider und Tim Stützle gilt es, Klarheit zu schaffen. Ich hatte in vielen Mannschaften Führungsrollen inne. Das Kapitänsamt bringt es mit sich, auch Mentor zu sein. Darauf war ich immer stolz. Ich habe immer versucht, dem Amt gerecht zu werden.

Bis Leon Draisaitl kam, waren Sie der am höchsten gedraftete Deutsche in der NHL. Wie bewerten Sie Ihre Ära in Übersee?
Vorweg: Es hat Spaß gemacht, die insgesamt zwölf Jahre waren jedoch wie im Flug vorbei. Jeder Eishockeyspieler träumt nun mal von der NHL. Doch es ist nicht einfach, der Leistungsdruck ist enorm. Du spielst drei, vier, fünf Mal die Woche, darfst dir keinen Schnitzer erlauben. Du kämpfst ständig um deine Rolle und deinen Platz in der Mannschaft. Hinter dir ist nicht nur einer, sondern 50, die darauf warten, dass du einbrichst. Es lief manchmal holprig, trotzdem bin ich froh, den Schritt seinerzeit gewagt zu haben.
Sie sagten selbst mal, es seien nicht nur rosige Zeiten gewesen …
Gottseidank war meine Frau von Anfang an dabei. Du fängst von Null an und kennst niemanden. In der Wohnung und im Haus ist die Familie auf sich alleine gestellt. Bei einem Trade kriegst du gesagt: ‚In drei Stunden geht dein Flieger!‘ Die Anrufe von Agenten, die plötzlichen Trades, der Umzug und das Nachkommen der Familie, das ist die Kehrseite der Medaille. Wir haben es zwei Mal durchmachen müssen, von Florida nach Pittsburgh haben wir einen Trade erwartet. Der Trade von Pittsburgh nach St. Louis kam hingegen total überraschend.

Ihre schönsten und schwierigsten Momente in der NHL?

Klar, als ich gedraftet wurde, das erste Spiel absolvierte, das erste Tor schoss. Es war bei der Serie in Colorado, da gelang mir das entscheidende Tor und ich durfte hinterher viele Pucks unterschreiben. Das war sehr besonders. Playoffs haben nun mal ihre eigenen Gesetze und stellen eine ganz andere Hausnummer dar. Schwierig waren die erwähnten beiden Trades – sowie vor allem eine Auswärtsfahrt mit San José. Ich hatte mir eine Gehirnerschütterung zugezogen. Ein Gegner lief einfach an mir vorbei, erwischte mich mit der Schulter am Kopf und ich fuhr noch zum Wechseln auf die Bank. Wir waren eine Woche lang in Tampa Bay unterwegs und ich hatte einen Filmriss. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern – das war ein komisches Gefühl. Vor Kopfverletzungen hatte ich ohnehin immer Respekt. Wie die meisten Spieler.
Die Heim-WM 2010 mit dem Nationalteam begann mit einem Zuschauer-Weltrekord in der Schalker Arena. Wie sehr hat diese WM alle gepuscht? Mit Rang vier sprang das beste Resultat seit 1953 heraus …
Mit dem ersten Spiel gegen die USA hatte die WM richtig gut angefangen. Publikumsrekord, Verlängerungssieg -–wir waren noch motivierter, noch heißer und konnten das gesamte Turnier genießen. Uwe Krupp hat als Trainer das Beste aus uns rausgeholt. Vielleicht hatten wir im Halbfinale gegen Russland etwas über unsere Verhältnisse gespielt. Im Endeffekt sind wir an den Großen gescheitert, doch wir waren nah dran. Es hat so ziemlich alles gepasst. Erst recht, da Torhüter Dennis Endras MVP des Turniers wurde.

Die größte Begeisterung, den größten Hype löste die Eishockey-Nationalmannschaft mit Ihnen als Kapitän bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang aus. Nur 56 Sekunden fehlten zu Gold. Wie fühlte sich diese wahre Saga an Endspielen an?
Die WM 2010 und Olympia 2018 sind in der Tat die beiden herausragenden Events im deutschen Eishockey. In Südkorea sind wir alle mit einem Grinsen im Gesicht aufgewacht und mit einem Grinsen ins Bett gegangen. Meine Eltern erzählten mir von zu Hause aus Gechingen, einem kleinen Ort in der Nähe von Calw. ‚Hey Marcel, die gucken alle Eishockey, jeder kennt sich aus, Kinder fahren mit Inlinern auf den Straßen herum‘. Wir waren wegen des Zeitunterschieds bereits eine Woche früher nach Pyeongchang gereist und saugten das Olympische Feeling auf. Die zwei Athleten-Dörfer lagen nah beieinander. Wir schauten uns die Biathleten, Langläufer und Skispringer an. Und zum Abendessen gingen wir drei Mal ins Deutsche Haus. ‚Ihr seid aber schon oft hier, normalerweise kommen die Athleten erst nach Erfolgen hier vorbei‘, hieß es. Nach unserer Silbermedaille sagte der Hausherr dann freudig erregt, wir seien von der Touristentruppe zur Touristenattraktion geworden (lacht). Nach dem Finale gegen Russland empfand ich Stolz, dass mir Marco Sturm das Vertrauen geschenkt und mich zum Kapitän gemacht hatte. Ich kam von einem Kreuzbandriss zurück – die Erlebnisse in Pyeongchang waren indes die ganze Reha und Plackerei wert.

Der Halbfinalerfolg gegen das Eishockey-Mutterland Kanada muss doch der emotionale Ausnahmezustand gewesen sein …
Ja, wirklich. Nur der Sieg im Finale wäre vielleicht da rangekommen. Gegen die Kanadier sagten wir uns: Heute ist der Tag! Mit dem Wissen, dass die NHL-Profis nicht dabei waren, dachten wir: Diese Jungs spielen in Europa und vor denen brauchen wir uns nicht verstecken. Vor allem der Empfang am Frankfurter Flughafen war dann riesig. Da standen viele Menschen mit Deutschlandfahnen am Terminal. Wir sind wie auf Wolke sieben geschwebt vor lauter Glück. Das war ein toller Moment.

Sie wurden auf eine harte Geduldsprobe gestellt. In Ihrem 20. Profijahr wurden Sie endlich mit den Mannheimer Adlern erstmals Meister. Wieviel Ballast fiel von Ihren Schultern?
Ein NHL-Spieler sagte mal zu mir, er möchte und könne nicht ohne Titel aufhören. So erging es mir. Die Saison war wegen Verletzungen schwierig für mich, doch wir hatten eine super Truppe. Es waren heiße Spiele gegen München in der Finalserie. Beide Teams bewegten sich Augenhöhe. Als die Meisterschaft feststand, war alles vergessen, auch der steinige Weg für mich dahin. Da hat einfach jeder von uns Adler-Spielern losgelassen, da herrschte nur noch Freude pur.

Wie schafften Sie es, immer wieder nach Verletzungen zurückzukehren. Welcher Antriebsfedern, welcher Mentalität bedarf es hier?
Ich bin sehr ehrgeizig, wollte die fünf Jahre in Mannheim noch einmal Vollgas geben. Ich sagte mir: Ich höre nicht auf der Verletztenliste auf. Ich hatte Glück mit der Reha bei der TSG Hoffenheim. Da war ich umgeben von anderen Sportlern, von Mädels und Jungs aus dem Fußball. Das hat mich noch mehr angespornt.

Ihre Brüder Sascha und Nikolai gelten ebenfalls als Hochkaräter im Eishockey. Gab es den familieninternen Wettbewerb?
(Lacht) Den gab es dauernd, von Kindesbeinen an. Ob Straßenhockey, Tischtennis, Fußball oder Eishockey – keiner wollte nachgeben und schon gar nicht Dritter werden. Jeder hat seinen Weg gemacht, jeder wollte erfolgreich sein. Sascha hat einen Meistertitel, ich habe einen – und Nikolai hat zwei. (Überlegt kurz) Verdammt, dann hat ja der Kleine gewonnen! Wir drei sind unseren Eltern sehr dankbar. Der Vater hat uns auf die Schlittschuhe gestellt, die Mutter überall herumgefahren. Ohne die beiden wären wir nicht so weit gekommen.

Am 8. März bestritten Sie Ihr letztes Hauptrundenspiel und letztes Match, ausgerechnet gegen Schwenningen. Schloss sich da ein Kreis für Sie?
Cody Lampl und Denis Reul haben vor dem Bully zu mir gemeint: Genieße dein letztes reguläres Saisonspiel! Das habe ich getan und den Puck von diesem Spiel mit nach Hause genommen. Danach dachte ich: Jetzt geht es in den Playoffs noch einmal um die Wurst – doch es kam bekanntlich alles ganz anders.

Adler-Chef Daniel Hopp meinte anerkennend, Sie seien niemand, der sich gerne ins Rampenlicht stellt, sondern jemand, der stets mit Herzblut und Ehrgeiz auf sich aufmerksam mache. Komplett einverstanden?
Das unterschreibe ich so. Daniel und ich haben seit jeher ein gutes Verhältnis. Er ist ganz normal, angenehm und locker – noch dazu ein Riesen-Eishockey-Fan. Er ist der Chef von uns allen, sein Wort gilt hundertprozentig.

Gibt es denn noch ein würdiges, echtes Abschiedsspiel für Sie?
Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Im Moment gibt es wegen Corona diesbezüglich keine Gespräche. Kommt Zeit, kommt Rat – und ich lasse es mal auf mich zukommen. Zunächst will ich jungen Kufencracks meine Erfahrung weitergeben.

Das Interview führte: Joachim Klaehn

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